Sokrates

Gedichte die das Leben schrieb

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Sokrates

Gedichte die das Leben schrieb
Veröffentlicht von Claudia in Fabeln · 13 Juli 2014

Sokrates
 
Sokrates, der Weise Griechenlands, hatte muthig
gekämpft gegen die Feinde, und seine Landsleute freuten
sich deß, und wollten ihm die Krone der Tapferkeit
aufsetzen. Er wich aber aus, und weigerte sich, dieselbe
anzunehmen. »Gebt diese Krone dem jungen
Alkibiades,« sprach er, »der auch unter den Tapfersten
gestritten.« Und man gab dem jungen Alkibiades die
Krone.
 
»Warum nahmst du aber die Ehrenkrone nicht an?«
(warfen ihm seine Freunde vor) »da du sie doch
verdientest?«
Sokrates aber setzte sich in die Mitte seiner Freunde
und Kriegsgenossen, und belehrte sie durch ein
Gleichniß:
Am Tage der Schöpfung wurde von dem schaffenden
Geiste ein alter stämmiger Eichbaum gepflanzt und ein
zärterer junger; und der Gott versprach, am Abende den
von beyden zu tränken, der den Tag über am frischesten
grüne. Und die Bäume standen in den Gluthen der
neugeschaffenen Sonne, und freuten sich ihres
Pflanzenlebens, und grünten die Zeit des Tages über mit
glänzendem Laube, der alte Eichbaum, wie die junge
Eiche. Aber gegen den Abend war die junge Eiche
beynahe ermattet, denn ihre Wurzeln waren noch nicht
so tief gedrungen, und die Oberfläche der Erde war
ausgetrocknet von dem Sonnenschein, daß sie fürder
nicht mehr Nahrung daraus saugen konnte.
Aber die Sonne tauchte hinter die blauen Berge, und
es ward Abend; und der Gott sandte den Pflanzenengel
mit einer krystallenen Urne, voll erfrischenden Thaues.
Und der Engel goß ihn über den stämmigen Eichbaum
aus, denn in seinem Grün war ein kräftigeres Leben den
Tag über. Darum tränkte ihn der Engel.
Aber der Eichbaum schüttelte sein Haupt und goß
den Thau auf die nachbarliche junge Eiche hin, und
erfrischte sie, daß sie den folgenden Tag wieder von
neuem frisch grünte, wie den ersten Tag. Aber auch der
alte Eichbaum stand da im vollen kräftigen
Blätterschmucke, am zweyten Tag, wie am ersten Tag.
Er hatte der Erfrischung nicht bedürft, denn seine
Wurzeln waren schon tief gedrungen in den Schoos der
Erde; die junge Eiche aber hatte der Erfrischung bedürft,
um den Grund zu fassen. Darum hatte der alte Eichbaum
gerne seinen Thau auf die junge Eiche herabgeschüttelt.

- Albert Ludewig Grimm  1786 - 1872 -



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