Den Wind vergessen

Gedichte die das Leben schrieb

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Den Wind vergessen

Gedichte die das Leben schrieb
Veröffentlicht in Märchen für die Jugend · 8 Juli 2014

Den Wind vergessen

Einst war ein Mann, der war nimmer zufrieden, wede rmit seinem Schicksal, noch mit den Menschen, noch
selbst mit dem lieben Gott. Bald tadelte er diese, bald jene Einrichtung seiner Weltregierung, vor Allem aber
das Wetter, das ihm heute zu warm, morgen zu kühl war; der Regen dauerte ihm heute zu lange, morgen ging er zu
rasch vorüber; heute schien die Sonne ihm zu feucht, morgen zu trocken.
Kurz, er hatte am Wetter beständig etwas auszusetzen und einst in den heiligen zwölf
Nächten sagte er: »Könnte ich selbst nur das Wetter machen, wie ich wollte, so sollten die Saaten bald anders
stehen.« Und siehe da, als er das gesagt hatte, trat ein Mann zu ihm, der war mit einem hellen Schein umgeben
und sprach: »Dein Wunsch, das Wetter zu machen, sei Dir gewährt. Von heute an soll Deinen Feldern nur die
Witterung zu Theil werden, die Du wünschest und für die beste hältst.« Damit verschwand die Erscheinung.
Der Tadler war jetzt hocherfreut, daß sein Wunsch erhört war.
Und da es noch nicht geschneit hatte, so wünschte er seinen Feldern zuerst eine tüchtige
Schneedecke.
Und siehe, als er auf's Feld kam, schneite es lustig auf seine Äcker herab. Den Schnee ließ er bis zum
ersten März liegen, bestellte hierauf trockene Witterung, dann abwechselnd Sonnenschein und warmen Regen,
mitunter auch Gewitter und dachte alles weise und gut eingerichtet zu haben. Seine Saaten zeichneten sich auch
vor allen übrigen des Feldes aus, wuchsen und blüthen, daß es eine Lust war und der Mann ging daher gar stolz
umher und tat als wäre er der liebe Gott.
Da aber die Zeit der Ernte kam, fuhr er wohl große Wagen voll auf seinen Hof,
aber nichts als Stroh und kein Körnlein Frucht:
denn der überkluge Mann hatte den Wind vergessen.

- Heinrich Pröhle -



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