Das Himmelsschäfchen

Gedichte die das Leben schrieb

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Das Himmelsschäfchen

Gedichte die das Leben schrieb
Veröffentlicht von Claudia in Märchen · 14 August 2014

Das Himmelsschäfchen.

Eine Mutter hatte ein kleines Töchterchen, mit diesem ging sie spazieren, hinaus auf das grüne Feld.
Die Sonne aber schien gar warm, und der Himmel war mit tausend und tausend silberweißen Wölkchen bedeckt.
»Was sind denn das für Schäfchen?« fragte das Kind.
»Das sind Himmelsschäfchen,« sagte die Mutter, »die treibt ein freundlicher Hirte auf die Weide, und wenn es
vorher lange geregnet hat, und die Silberschäfchen kommen an den Himmel, so scheint gewiß die liebe
Sonne bald wieder.«
»Ach Mutter,« sagte das Kind, »kauf mir doch ein Silberlämmchen.«
»Das kann ich nicht,« sprach die Mutter, »denn auf der Erde giebt es keine solche schöne Schaafe, die giebt's nur
am Himmel, und der Hirte, der sie weidet, hat alle seine Schäfchen gezählt, und giebt keines davon her.«
»Ach, bitte ihn einmal darum,« sagte das Kind. – Da versprach die Mutter, den Hirten darum zu bitten, und
sie gingen mit einander heim.
Das Kind aber konnte die Himmelsschäfchen nicht vergessen, und wenn auch die Mutter, um es zu beruhigen,
sagte, sie hätte den Schäfer vergeblich darum gebeten, so verlangte es nur um so begieriger ein
Schläfchen, und ward endlich krank vor Sehnsucht und Bekümmerniß.
»Ich will ja gewiß recht gut und brav sein,« sagte das Kind, »aber gieb mir nur ein Himmelsschäfchen.«
Da ward aber die Mutter um ihr Kind sehr besorgt, und sie ging hin zu einem Manne, der verfertigte ihr ein
ganz kleines Schäfchen von Holz mit einem goldenen Halsbändchen, und strich es an mit Silberfarbe.
Das brachte die Mutter dem Kindchen, und sagte: »Hier hast du ein Himmelsschäfchen, das hat mir ein Mann
gebracht.« Aber das Kindchen sprach: »Das ist kein Himmelsschäfchen; die Himmelsschäfchen sind viel
größer und schöner; gieb mir ein Himmelsschäfchen!«
Da ging die Mutter wieder zu demselben Manne, der machte ihr ein anderes Schäfchen, so groß als die Schaafe
gewöhnlich sind, und bedeckte es ganz mit weißer Wolle, in die waren Silberflittern gewoben.
Die Mutter aber brachte ihrem Töchterchen dies Schäfchen, und sagte:
»Da hat mir der Mann ein anderes Schäfchen gebracht, das wird wohl ein Himmelsschäfchen sein; sieh, wie es
groß ist, und welch schöne Wolle es hat!«
Aber das Kind weinte, und sagte: »Das ist kein Himmelsschäfchen. Die Himmelsschäfchen haben
durchsichtige Wolle; gib mir ein Himmelsschäfchen, oder ich sterbe!«
Da ward die gute Mutter sehr betrübt, denn ihr Kindchen wurde kränker und kränker, und sie wußte
nicht, wie sie ein Himmelsschäfchen bekommen sollte.
Da setzte sie sich des Nachts in das Kämmerlein, wo ihr Töchterchen krank lag, und weinte vor Sehnsucht und
Bekümmerniß, und vergoß heiße Thränen.
Als sie aber so traurig vor sich hinsah auf den dunkeln Boden, da kam es ihr vor, als thäte sich die Wand auf,
und sie sah hinaus an den weiten, weiten Himmel, und in der Ferne gewahrte sie eine weibliche Gestalt, die trug ein
silberweißes Lämmchen auf ihrem Arm, und schwebte, auf Wolken getragen, zu ihr her. Da füllte sich aber das
Kämmerlein mit wundersamen Glanze, und die Wände, die vorher dunkel waren, glänzten jetzt, wie das sanfte
Licht der Morgenröthe. Die königliche Frau aber stellte das Schäfchen in das kleine Blumengärtchen, das vor
dem Fenster war, und sprach:
»Ich habe Mitleid gehabt mit deinem Kummer, und habe deinem Töchterlein ein Himmelsschäfchen gebracht.«
Da wachte das Kind in seinem Bettchen auf, und sah die königliche Frau, und das Himmelsschäfchen, das ging
im Blumengarten auf und ab.
Da ward ihm ganz wohl.
Die königliche Frau aber sprach zu ihm: »Ich schenke dir, was du so sehr gewünscht hast, aber gieb Acht, daß du
nicht ungehorsam bist, oder eine Unwahrheit redest: denn erfahre ich einen einzigen Ungehorsam, oder eine
Lüge von dir, so ist dein Schäfchen verloren.«
Das Kind aber gelobte seiner Mutter, Alles zu thun, was die königliche Frau verlangt hatte. Diese aber
verschwand, wie sie gekommen war; der Lichtglanz verblaßte allmählig; aber statt dessen stieg die Sonne über
die blauen Berge hervor, und schien in's Kämmerchen und in's Blumengärtchen, wo das Himmelsschäfchen
weidete. Es hatte silberglänzende Wolle, die war ganz durchsichtig, wenn die Sonne darauf schien, und um den
Hals hatte es ein Band, das hatte sieben glänzende Farben, wie der Regenbogen. Es blöckte aber nicht, wie
die andern Schaafe, sondern es sang zuweilen mit wunderschöner Stimme. Da lief das Kind zu ihm hinaus,
und streichelte es, und brach ihm frischen Klee ab; aber es wollte nichts fressen, sondern roch zuweilen an den
süß duftenden Rosen und den weißen Lilien – das war seine Speise.
Das Kindchen hatte nun seine große Freude an dem schönen Lämmchen, und rief alle seine Gespielinnen
herzu, und zeigte ihnen das Himmelsschäfchen.
Es folgte ihr auf ihren Ruf, wenn sie es hinausführte auf die Wiese, wo die duftenden Kräuter wuchsen, und ging mit ihr,
wenn sie nach Hause zog; des Nachts aber schlief sie bei ihm in einem Bettchen. Wenn sie dann des Morgens
aufwachte, stand das Schäfchen schon wieder im Blumengarten vor dem Fenster, und roch an den Rosen und Lilien.
Eines Tages ging das Mädchen mit dem Himmelsschäfchen wieder hinaus auf eine schöne, große
Wiese, durch die Wiese aber floß ein silberklares Bächlein, und über den Bach ging eine kleine Brücke.
Die Mutter aber sagte: »Gehe mir ja nicht weiter, als bis an die Brücke, ich fürchte, das Himmelsschäfchen möchte in
den Bach fallen und ertrinken.«
Das Mädchen ging nun mit dem Schäfchen auf die Wiese, und spielte mit ihm, wie sie immer gethan hatte.
Da kamen ihre Gespielinnen zu ihr, die sagten: »Komm, wir wollen einmal dort über den Bach gehen auf jenen
Berg, dort ist's gar schön.« Das Mädchen aber entgegnete: »Nein, das darf ich nicht thun, meine Mutter hat mir's
verboten.« – »Ei, warum denn;« sagten ihre Gespielinnen, »wir können ja dort viel schöner spielen, als hier.« – »Ja,«
sagte das Mädchen, »ich fürchte, wenn wir über die Brücke gehen, so möchte mein Schäfchen in den Bach
fallen und ertrinken.« – »Dafür laß uns sorgen;« erwiederten die Gespielinnen, »wir wollen's schon halten,
daß es nicht hineinfällt.« Da gab das Mädchen nach, und ging mit ihren Gespielinnen an den Bach. Als sie aber an
die Brücke kamen, dachte das Mädchen an die Worte der königlichen Frau, da sie ihr gesagt hatte, sie solle ihrer
Mutter nicht ungehorsam seyn. Darum sagte sie: »Nein, ich darf meiner Mutter nicht ungehorsam seyn, sonst
wird mir mein Himmelsschäfchen genommen.« – »Ei, wer wird dir das nehmen?« sagten ihre Gespielinnen; »das
hat die königliche Frau nur so gesagt. Und damit es ja nicht in den Bach fällt, so nimm es in den Arm, und trage
es hinüber.«
Da nahm das Mädchen das Himmelsschäfchen auf den Arm, und trug es hinüber. Wie sie aber auf die Mitte
der Brücke kamen, da brach die Brücke, und die Mädchen, die vor ihr gingen, fielen alle in den Bach; sie
selbst aber erschrak so sehr, daß sie das Himmelsschäfchen fallen ließ. Es fiel aber nicht in den
Bach, sondern in dem Augenblicke tauchte dieselbe königliche Frau, die es ihr gebracht hatte, aus dem
Wasser hervor, und fing es mit den Armen auf; dann aber erhob sie sich, und ein Paar Wolken trugen sie hin an den
Himmel, und sie setzte das Lämmchen wieder zu den andern Himmelsschäfchen, wo es früher gewesen war.
Das Mädchen aber weinte sich die Aeuglein roth, und bat ihre Mutter, sie möchte ihr ein anderes
Himmelsschäfchen verschaffen; aber die Mutter sagte: »Das ist die Strafe des Ungehorsams! «
Ihre Gespielinnen aber, die sie zu dem Ungehorsam verleitet hatten, kamen dies Mal mit dem bloßen
Schrecken davon. Ihre Kleider waren jedoch ganz naß und schmutzig geworden, und sie mußten so nach Hause
gehen. Da wurden sie von Allen ausgelacht und verspottet. Deshalb gingen sie in sich, und bereueten, was
sie gethan hatten, und haben nachher niemand mehr zum
Ungehorsam verleitet. –

- Lehnert 1782 - 1848 -



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